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01.09.2009 | Psychologie
Sind Sie ein Opfer?
Viele Anleger haben in den letzten Monaten enorme Verluste an den Börsen erlitten. Sofort beginnt nun die Suche nach den Schuldigen. Sammelklagen werden eingereicht und Fonds und Banken bekommen in den Medien ordentlich ihr Fett ab. Doch bewertet man das Ganze objektiv, bleibt nur eine Person, auf die man den Finger richten kann: auf sich selbst!
Betrachtet man die Kriminalstatistik, stellt man verblüfft fest, dass Menschen denen schlimme Dinge im Leben widerfahren, meist nicht nur einmal von so einem Übel gestreift werden sondern mehrmals. Manche Leute geraten zum Beispiel stets an die falschen Partner und werden dann finanziell betrogen oder sogar körperlich misshandelt. Andere kommen immer wieder an finanzielle Hochstapler, obwohl ihnen ähnliches bereits mehrmals im Leben passiert ist und sie es eigentlich besser wissen müssten. Stellt sich die Frage, warum diese Menschen nicht aus ihren Fehlern lernen? Die Antwort darauf lautet: sie können es nicht, weil sie dieses Missgeschick nicht als Fehler interpretieren. Sie sehen sich vielmehr als armes, schuldloses Opfer und sind der Meinung, gar nichts falsch gemacht zu haben.
Bei meinem letzten Trading – Seminar traf ich einen Teilnehmer, der aufgrund eines technischen Defekts seines Computers beim Trading sehr viel Geld verloren hatte. Er war zornig und suchte die Schuld beim Broker und dessen angeblich technisch unausgereifter Handelsplattform, ohne sich zu überlegen, welche Ursache wirklich hinter diesem Malheur gestanden hat. Ich möchte gar nicht auf die Umstände dieses Falls im Detail eingehen, doch liegt es nicht auf der Hand, dass dieser Trader selbst an seinem Schlamassel schuld ist? Warum hat er nicht die entsprechenden Vorkehrungen getroffen, dass ihm so ein Computercrash nichts anhaben kann? Warum hat er nicht darauf geachtet, zum Beispiel ein Zweitgerät zur Verfügung zu haben, auf welches er hätte ausweichen können?
Wenn sie hingegen für ihr Verhalten die volle Verantwortung übernehmen, können Sie sich überlegen, welche Maßnahmen in Zukunft angebracht sein könnten, so einen Schicksalsschlag das nächste Mal zu verhindern. Was kann ein Trader dagegen tun, zum Beispiel mit einem großen GAP gegen ihn am falschen Fuß erwischt zu werden? Er könnte auf die FED schimpfen, welche die Zinsen nicht wie erwartet um 0,5% sondern nur um 0,25% gesenkt hat, und somit die Märkte weltweit zum Absturz bringt. Er könnte auch auf ein bestimmtes Unternehmen zornig sein, weil das Management der Firma bei den Quartalsberichten zu Understatement neigt und bewusst konservative Ausblicke veröffentlicht. Das hat wiederum zur Folge, dass die Aktie am nächsten Tag um 15% tiefer eröffnet und die vom Trader eingegangene Long Position regelrecht vernichtet wird.
Man könnte aber auch aus diesen Geschehnissen lernen, an Tagen anstehender Zinsentscheide besser keine Positionen laufen zu haben. Oder man könnte in Zukunft Unternehmen, die am nächsten Handelstag einen Quartalsbericht herausgeben, gänzlich meiden. Diese Maßnahmen kann man aber nur dann einleiten, wenn der Trader für seine Handlungen die volle Verantwortung übernimmt. Nur in diesem Fall stellt er sich die Frage: was habe ich falsch gemacht?
Derzeit werden vielerorts rechtliche Maßnahmen vorbereitet, weil Bank- oder Finanzberater Aktien empfohlen haben, die nun Schiffbruch erlitten haben. Doch auch hier stellt sich die Frage: wer ist letztlich verantwortlich? Die Bank, deren Management, der Berater oder doch der Kunde selbst?
Aus rechtlicher Sicht mag es für den einen oder anderen Betroffenen möglich sein, das Verschulden jemand anderem umzuhängen. Doch sollten sich diese Leute nicht zu früh freuen. Diese Menschen werden sich mangels übernommener Verantwortung garantiert wieder aufs Glatteis führen lassen, weil aus deren Sicht alle anderen schuld sind nur sie selbst nicht. Falls sie es schaffen sollten, sich tatsächlich Schadlos zu halten, betrachte ich diese Ausgleichszahlungen aber nur als eine Art Darlehen. Als einen Kredit, den diese >Opfer< bei nächster Gelegenheit mangels übernommener Verantwortung mit noch viel höheren Zinsen an jemand anderen zurückzahlen werden. Es sei denn, sie denken ein wenig über sich und ihr Verhalten nach und kommen zu der Einsicht, dass sie in Wahrheit keine Opfer sind. Sie sind vielmehr ihr eigener Glückes Schmied und müssen lernen, für ihre Taten einzustehen, im Guten genauso wie im Schlechten.
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