02.08.2010 | Psychologie

Trading & Talente - Teil 1

Wenn man sich mit dem Trading näher beschäftigt, also wenn man die erste Phase, in der man als Ahnungsloser durch die Märkte stolpert, überwunden hat, stößt man rasch auf ein kleines, aber scheinbar entscheidendes Wort: Disziplin! Ohne geht nichts, hört man immer wieder, doch ich frage mich zurzeit immer häufiger, ob das wirklich stimmt…

Ich selbst war noch vor wenigen Jahren davon überzeugt, dass Disziplin das A & O im Trading ist, und dabei wäre es egal, ob man Scalper, Daytrader oder Positionstrader ist. Diesbezüglich habe ich ja auch in meinem Buch „Das Trader Coaching“ diesem Umstand einige Zeilen gewidmet. In den letzten Monaten habe ich mich jedoch im Rahmen meiner Coachings intensiv mit den unterschiedlichsten Traderpersönlichkeiten beschäftigt, und dabei etwas sehr interessantes festgestellt, was mit der Disziplin meiner Klienten zu tun hat. Aber unabhängig von den Ergebnissen, die ich später noch verraten werde: wie ist das überhaupt möglich? Wie kann man als Außenstehender beurteilen, ob ein Mensch (ein Trader), den man kaum kennt, diszipliniert ist? Und was bedeutet Disziplin überhaupt?

Um diesen Sachverhalt näher zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Vor ein paar Monaten traf ich mich mit einem guten Freund und ehemaligen Arbeitskollegen. Sein Name: Andy Fritsch. Andy ist ausgebildeter Mentaltrainer und Coach, und in unserem Treffen plauderten wir ein wenig darüber, was wir nun beruflich so machen und wie es uns dabei geht. Natürlich kamen wir aufs Trading zu sprechen, und ich erklärte ihm, wie ich dieses Business begreife, und warum ich meiner Ansicht nach erfolgreich bin.

Andy hörte interessiert zu und wies mich auf ein Coaching Tool hin, auf die sogenannte TMA (Talente Motivations Analyse), und ich begriff rasch, dass er hier ein Werkzeug zur Verfügung hatte, dass für einen Trader unermessliche Vorteile bringt. So beschlossen wir, uns die Sache näher anzusehen, und ich fragte einige meiner Klienten, ob Sie so einen TMA Test machen wollten, und uns die Ergebnisse für unser Pilotprojekt zur Verfügung stellen würden. Alle willigten begeistert ein, und in wenigen Tagen hatten wir mehrere Profile in der Hand, von denen wir nun die ersten Rückschlüsse ableiten konnten.

Unter anderem wollten wir wissen, ob Trader wirklich besonders viel Disziplin besitzen, oder ob sie viel Mut und Durchhaltevermögen brauchen, und legten, um das zu überprüfen, die Profile übereinander. Da alle Testpersonen meine Klienten waren, kannte ich sie natürlich und wusste um ihre Fähigkeiten. Ich wusste sogar über ihre Performance bescheid, und konnte daher beurteilen, wie erfolgreich der Eine oder Andere momentan agierte.

Bevor ich Auskunft über die Ergebnisse dieses Versuchs geben kann, müssen wir noch ein wenig über die Talente eines Menschen sprechen und was das eigentlich genau bedeutet. Als ich beim Gespräch mit Andy Fritsch mit dem Wort „Talent“ konfrontiert wurde, dachte ich an Aussagen aus meiner Kindheit oder Jugend zurück, wo mir und anderen Gleichaltrigen Talent für Musik, zum Fußballspielen oder für Mathematik attestiert oder abgesprochen wurde. Von der Möglichkeit einer ernsthaften Talente Analyse hatte ich in diesem Ausmaß vorher noch nie gehört.

Doch heute beschäftige ich mich sehr mit der mentalen Seite des Tradings, mit den vielen psychischen Fallgruben dieses Geschäfts, und konnte dabei sehr viel lernen. Mir wurde zwar früher schon klar, warum man Trading nicht mit einem Buch lernen kann, oder warum ein Seminarbesuch zwar unterstützend wirkt, niemals jedoch eine Handlungsanweisung darstellt. Weil wir alle anders ticken, weil wir alle verschieden sind, oder weil, um wohl die richtigen Worte zu verwenden, wir alle anders ausgeprägte Talente besitzen.

Um noch etwas mehr in dieses überaus wichtige Thema einzudringen, möchte ich Ihnen einen Auszug aus der Beschreibung der TMA zeigen, die in dieser Form auch in meinem neuen Projekt www.tradingnetzwerk.de zur Verfügung steht.

Die Talente- und Motivationsanalyse (TMA) ist ein seit Jahrzehnten bewährtes und psychologisch fundiertes Modell zur Analyse persönlicher Talente, Motive und Kompetenzen. TMA baut auf den Theorien von Murray und C.G. Jung auf. Durch das persönliche Analyse-Coaching wird TMA zum unschätzbar wertvollen Erkenntnis-Tool eigener Motive und tieferliegender persönlicher Entscheidungsprozesse. Wer sich und seine Motive kennt und reflektiert, hat grosse Wettbewerbsvorteile in jeder beruflichen Situation.

Und genau darum geht es. Wir Trader suchen doch immer nach einem Vorteil, doch anstatt ihn in den Charts zu suchen; sollten wir lieber versuchen, ihn in uns selbst zu finden. Natürlich kann man auch in den Charts einen kleinen statistischen Vorteil ausmachen, doch den weit größeren Nutzen zieht man aus der Tatsache, beim Trading auf seine Talente zu achten.

Dabei spielt die Disziplin als Talent eines Menschen natürlich eine gewisse Rolle, sie ist aber noch lange nicht alleinig entscheidend dafür, ob man ein erfolgreicher Trader wird. Um die Sache langsam aufzulösen, müssen wir uns zunächst die Frage stellen, wo wir Disziplin überhaupt einordnen, und aus welchen anderen Talenten sie sich zusammensetzt.

Dazu müssen wir zunächst festhalten, dass disziplinierte Menschen ein hohes Bedürfnis haben, sich anzupassen. Anpassungsbedürfnis ist also ein Baustein der Disziplin. Das ist bereits das erste Paradoxon, denn Trader sind selten Menschen, die sich gerne bestehenden Normen und Regeln unterwerfen. Erfolgreiche Trader sind oft Freigeiste, die mit Gesellschaftszwängen ihre liebe Not haben. Ein Trader und ein hohes Anpassungsbedürfnis? Das passt also in den meisten Fällen nicht wirklich zusammen!

Es ist des Weiteren ein Fakt, dass ein stark ausgeprägtes Talent (egal welches) nicht immer positiv und ein schwach ausgeprägtes Talent nicht immer negativ sind. Hohe Werte beim Talent „Selbständiges Denken“ zum Beispiel scheinen auf den ersten Blick sehr positiv zu sein, was sicher zum größten Teil auch korrekt ist. Denkt man in diesem Zusammenhang jedoch erneut an Disziplin, scheint es zweifelhaft, ob Menschen, die gerne eigene Entscheidungen treffen und selbständig Denken (das müssen Trader immer wieder, vor allem jene, die diskretionär agieren), stets diszipliniert handeln. Vor allem wird das dann nicht zutreffen, wenn die Disziplin von außen auferlegt wurde, und diese Normen nicht nachvollzogen werden können oder nicht zu einem passen (vielleicht ein fremdes Trading Regelwerk? …)

Doch neben dem Anpassungsbedürfnis gibt es noch einen weiteren Bestandteil von Disziplin: Das Streben nach „Ordnung und Struktur“. Doch darüber und wie diese Erkenntnisse letztlich in das Trading einfließen, werden wir in Teil 2 dieser Serie in Kürze hier sprechen.



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