06.04.2010 | Psychologie

Gedankenstopp

In der trading redaktion habe ich bereits einige Strategien und Regelwerke präsentiert, mit denen man an den Märkten erfolgreich agieren kann. Für viele angehende Trader ist es jedoch überhaupt schwierig, sich an bestimmte Richtlinien zu halten. Ständig wird hin und her überlegt, wie und ob man in der aktuellen Situation nicht doch alle Regeln über Bord werfen sollte. Man will einen „besseren“ Weg finden als den, bei den eigenen Vorgaben zu bleiben, aber aufgrund der Unvorhersagbarkeit der Börsenkurse wird das einige Probleme nach sich ziehen…

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Am Tag 1 nach dem Entry eines long Trades hat der gehandelte Wert nach dem Einstieg um gut 6% zugelegt. Diese 6% entsprechen mehr als 3 R und sofort beginnen nun die endlosen Gedankenschleifen des Traders: Was mache ich mit dieser Position, welche Handlung ist nun „richtig“? Soll ich den Stopp dort lassen wo er ist, soll ich ihn nachziehen (wohin??) oder soll ich glattstellen?

Auch bei einem Trade, bei dem es gegen einen läuft, kommt man gerne auf Gedanken wie: „Der Wert ist ins Minus gelaufen. Ich werde sicher bald ausgestoppt. Soll ich manuell glattstellen, und mir so ein halbes R Verlust ersparen?“.

Hat man ein paar Jahre an den Märkten auf dem Buckel, bemerkt man rasch, wie unsinnig diese Gedanken eigentlich sind. Denn das einzig Richtige ist, in jedem Fall bei seinem Regelwerk zu bleiben. Sehen diese Richtlinien vor, den Stopp am Tief der Kerze charttechnisch nachzuziehen, dann wird auch jeder Trade genau so behandelt. Sagt das Regelwerk: „stelle glatt nach +3 R und realisiere den Gewinn“, wird auch dies so ausgeführt. Selbst wenn die Vorgaben meinen, der Stopp wird zunächst gar nicht nachgezogen, ist das in Ordnung, und der erfahrene Trader kommt gar nicht auf die Idee, anders zu verfahren.

Doch niemand behauptet, dass das jeweilige Regelwerk in jedem Fall die beste Lösung darstellt. Weil das so ist, liegt gerade hier der Hase im Pfeffer verborgen. Wann wissen wir denn, ob in einer bestimmten Situation unsere Handlung richtig oder falsch war? Wenn wir das Resultat kennen, und wenn wir wissen, was aus dem Trade geworden ist. Wie sollen wir das aber im Vorhinein wissen? Wie sollen wir erraten, ob ein Trade die +3 R Papiergewinn wieder zur Gänze abgibt, oder ob am nächsten Tag nochmals 3R dazukommen? Für keinen Trader ist absehbar, was die Zukunft bringen wird und daher liegt die einzige Sicherheit darin, sich an seinen Plan zu halten.

Ich denke, die meisten Händler wissen in Wahrheit, dass es keine richtige Entscheidung in so einer Situation geben kann. Trotzdem machen Sie sich ständig Gedanken über ihre offenen Positionen. Und was noch viel schlimmer ist – Sie beurteilen ihr Regelwerk rückblickend anhand der erzielten Resultate des einzelnen Trades!

Ein weiteres Beispiel: Trader X geht short und der Wert fällt um 1 R von seinem Einstiegskurs. Er freut sich, ist aber zeitgleich nervös, weil es die letzten Tage nicht so gut lief. Daher entschließt er sich, den Trade glattzustellen und die Profite ins Trockene zu bringen. Kaum ist das Geld seinem Konto gutgeschrieben, dreht die Aktie und steigt. Gegen Börsenschluss hat der Wert alle Verluste des heutigen Handelstages wettgemacht und schließt leicht im Plus. Als unser Trader am Abend nochmals die Kurse betrachtet, fühlt er sich in seinem Handeln bestätigt. Er denkt, er hat die richtige Entscheidung getroffen und klopft sich auf die Schulter. Er glaubt, es deswegen „richtig“ gemacht zu haben, weil der Trade nach seinem Glattstellen wieder nach oben gelaufen ist. Er beurteilt seine Wahl rückblickend anhand des Ergebnisses.

Was denken Sie, wie würde dieser Trader über seine Handlung denken, wenn der Trade am gleichen Tag kurz nach seinem Exit um weitere 2 R gefallen wäre? Erinnern Sie sich an eine ähnliche Situation aus Ihrem Trading Alltag – wie würden Sie denken, wenn Sie einen Wert glattstellen (warum auch immer) und danach läuft er weiter massiv in Ihre Richtung? Sie würden ganz bestimmt die Meinung vertreten, einen Fehler gemacht zu haben. Aber kann man das als Fehler bezeichnen, wenn man überlegt, dass an der Börse die unbekannte Zukunft gehandelt wird? Wenn Sie etwas nicht wissen können, trotzdem aber eine Entscheidung treffen müssen, die sich nachträglich dann als ungünstig herausgestellt hat, wo lag da der Fehler Ihrerseits?

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Trader diesbezüglich falsch denken und sich selbst das Leben schwer machen. Auch bei mir war es früher nicht anders. Ständig durchlief ich diese Gedankenschleifen bei jedem Trade, und stellte mir immer die bohrende Frage: „Was soll ich jetzt machen“? Irgendwann setzte sich jedoch die Erkenntnis durch: „ich mache das, was mein Regelwerk vorsieht.“

Mal wird ein und dieselbe Entscheidung richtig sein, mal werde ich damit falsch liegen. Warum also sich über etwas Gedanken machen, was ohnehin niemand wissen kann. Es war mir irgendwann einfach zu dumm, ständig zu grübeln. Ich wurde diesbezüglich zu faul zum denken, und heute laufen meine Trades weitgehend nach Schema F ab und so erspare ich mir einige graue Haare. Ich liege damit nicht immer richtig, aber ich liege damit auch nicht immer falsch. Diese ausgewogene Mischung reicht aber, um an den Märkten Geld zu verdienen.

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