29.06.2010 | Fachwissen

Über Fußball, Serien & Wahrscheinlichkeiten

Passend zur aktuellen Fußball – WM in Südafrika möchte ich Ihnen einen kurzen Auszug aus meinem Buch “Das Trader Coaching” präsentieren.

Trading ist ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Es geht nicht darum, etwas zu prognostizieren oder etwas vorherzusagen. Es geht darum, ein System anzuwenden, das Ihnen im Durchschnitt mehr Profite bei Gewinntrades als Kosten bei Verlusttrades beschert. Nehmen wir einen Münzwurf her, um das zu veranschaulichen. Die Chance, ob „Kopf“ oder „Zahl“ kommt, steht 50 : 50. So weit wird dem jeder Mensch ohne Einwand zustimmen.

Wie sieht es nun beim nächsten Wurf aus? Sagen wir, beim ersten Wurf kam „Kopf“. Ist es nun wahrscheinlicher, dass „Zahl“ kommt, weil vorher „Kopf“ an der Reihe war? Natürlich nicht. Die Chancen stehen wieder 50 : 50. Tatsächlich, es kommt wieder „Kopf“. Jetzt kommt der dritte Wurf! Ist jetzt „Zahl“ wahrscheinlicher, weil schon zweimal hintereinander „Kopf“ kam? Nein, die Chancen stehen erneut 50 : 50 und das geht so weiter bis in alle Ewigkeit. Insgesamt kommen „Kopf“ und „Zahl“ natürlich gleich oft, aber das gilt erst, wenn Sie ein gewisses Mengengerüst an Würfen für diese Beobachtung heranziehen. Das Gleiche gilt beim Trading.

Ich möchte im Folgenden erläutern, wie man mit Wahrscheinlichkeiten in der Praxis auch kläglich scheitern kann, wenn man ein zu kurzes Zeitfenster dafür heranzieht. Bei der letzen Fußball-EM 2008 in der Schweiz und in Österreich hatten wir im Büro ein Tippspiel veranstaltet. Für den richtigen Ergebnisstipp (nach 90 Minuten) gab es drei Punkte, wurde die Tendenz (Sieg oder Unentschieden) richtig erraten, gab es einen Punkt. Da ich nicht über die Spielstärke der Mannschaften Bescheid wusste, ging ich die Sache mit Systematik an. Ich informierte mich zuerst darüber, welches Ergebnis aus statistischer Sicht im Fußball am häufigsten vorkommt. Wissen Sie es? Dieses Ergebnis ist ein 2 : 1. Dieses Resultat konnte ich jedoch nicht verwenden, weil ein 2 : 1 eben für beide Mannschaften möglich wäre und ich so noch den Sieger erraten müsste. Der logische Tipp war daher ein Unentschieden – ein 1 : 1 –, was darüber hinaus das zweithäufigste Ergebnis eines Fußballspiels darstellt.

Gesagt getan, ich tippte alle Spiele auf 1 : 1 und wähnte mich bereits als sicheren Sieger, obwohl beim Fußball natürlich der Zufall eine geringere Rolle spielt als beim Trading oder bei einem Münzwurf, denn es entscheidet vor allem die Stärke einer Mannschaft das Spiel. Doch auch hier sind sehr viele Variablen wie verletzte Spieler, Schiedsrichterentscheidungen, Witterung etc. zu berücksichtigen, dass man dieses Wettspiel auch auf ähnliche Weise anlegen kann.

Im Endeffekt wurde ich mit meinem Tipp Vorletzter, obwohl ich von der Wahrscheinlichkeit her das Ergebnis getippt hatte, das mir im statistischen Mittelwert die meisten Punkte hätte bringen müssen. Hier kristallisierte sich deutlich heraus, dass zwar die Wahrscheinlichkeit auf meiner Seite war, die Spiele aber genauso wie die Trades als Einzelereignisse zu sehen sind, deren Ausgang nicht vorherzusagen ist. Hätte die EM aus 1.000 oder mehr Spielen bestanden, wäre ich vermutlich Sieger geworden. So aber war der Zeitausschnitt zu kurz und das Gesetz der Serie und des Zufalls konnte hier nicht greifen.

Was soll damit gesagt werden und was hat das alles mit dem Trading zu tun? Betrachten Sie die Gewinntrades als „Zahl“ und die Verlusttrades als „Kopf“. Sie haben nun zehn Verluste in Folge produziert. Ist das System deswegen schlecht? Nein, natürlich nicht. Das ist das Gesetz des Zufalls und der Serien. Es wäre fatal, wenn Sie vor dem Trade versuchen wollten herauszufinden, ob nun „Kopf“ oder „Zahl“ an die Reihe kommt, ob der Trade also ein Gewinner oder ein Verlierer wird. Sie können das vorher nicht wissen.

Wenn Sie trotzdem versuchen, Einstiegssignale, die Ihnen Ihr System liefert, zusätzlich zu hinterfragen und zu filtern, werden Sie erst recht scheitern. Wenn Sie denken, o. k., den einen Trade mache ich doch lieber nicht, obwohl Sie ein eindeutiges Signal bekommen, und im Gegenzug einen anderen Trade ausführen, weil Sie sich dabei besser fühlen, dann sprengen Sie Ihr System. Dann kann es passieren, dass Sie die Trades auslassen, die vom Gesetz der Serie her dazu bestimmt gewesen wären, große Gewinner zu werden. Ein Gewinntrade kommt nicht her und sagt Ihnen „Nimm mich, ich werde ein großer Gewinn in den nächsten Tagen für dich“.

Traden Sie daher Ihr System und Ihre Statistiken und versuchen Sie nicht, die Zukunft vorherzusagen. Wenn das funktionieren würde, gäbe es keine Börsen mehr!

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