14.12.2009 | Fachwissen

Marktausblick 2010 (Teil 1)

Vor kurzem erhielt ich von einem interessanten Auftraggeber das Angebot, an einem Webinar zum Thema Marktausblick 2010 mitzumachen. Erfreut über die tolle Publicity, die mir dieser Vortrag bestimmt bringen würde, machte sich rasch Ernüchterung bei mir breit.

Diese Ernüchterung wandelte sich zu regelrechten Magenschmerzen, und kurz bevor wir alles Organisatorische unter Dach und Fach hatten, zog ich meine Zusage für dieses Event zurück. Zum Glück war es für den Veranstalter kein Problem, rasch geeigneten Ersatz zu finden, und als ich das hörte, fiel mir regelrecht ein Stein vom Herzen. Vielleicht fragen Sie sich nun, warum ich von dieser Sache erzähle. Was interessiert Sie als Leser der trading redaktion, ob ich einen Auftrag für ein Webinar annehme oder nicht?

Ich denke, dass diese Absage deswegen erwähnt werden muss, weil sie Symbolcharakter für alle Börsianer besitzen sollte. Wie Sie wissen, stehe ich Vorhersagen, was den zukünftigen Marktverlauf betrifft, äußerst skeptisch gegenüber. Immer wieder fällt mir da der Vergleich mit Wahrsagern oder Hellsehern ein, deren Dienste wohl kaum ein halbwegs vernünftiger Trader oder Investor in Anspruch nehmen würde.

Wenn es aber um die Zukunft der Märkte geht, bekommt das Ganze – aus mir unerklärlichen Gründen – neue Dimensionen. Plötzlich glauben Leute, die sonst mit übernatürlichen Dingen nichts am Hut haben, solche Prophezeiungen wären mehr als Schall und Rauch. Wirklich interessant!

Natürlich war dieses Angebot, für einen Marktausblick 2010 zur Verfügung zu stehen, keine unseriöse Sache. Es ging ja vielmehr darum, eine mögliche Tendenz aufzuzeigen, sowie das eine oder andere Alternativszenario darzustellen. Keineswegs wollte man von mir eine punktgenaue Prognose, wo der Dax Ende 2010 stehen wird. Grundsätzlich klang das alles ja vernünftig – trotzdem fühlte ich mich nicht wohl in dieser Rolle, und zog meine Zusage letztlich zurück.

Warum ich schließlich das Handtuch warf, war eine bestimmte Aussage meines Auftraggebers, die mich nachdenklich machte. Wortwörtlich kann ich den Satz nicht mehr wiedergeben, in etwa lautete er jedoch: „Sie machen sich doch Gedanken darüber, wo die Märkte hingehen könnten, und dann positionieren sie sich entsprechend.“ Als ich mit diesem Statement konfrontiert wurde, dachte ich plötzlich: „Nein, dass mache ich eben nicht“. Ich kümmere mich keinen Deut darum, was der Markt machen könnte, das ist ja das Spannende. Weder als Investor noch als Trader denke ich darüber nach, wie sich die Märkte nächstes Jahr oder die nächsten 5 Jahre entwickeln werden.

Lassen Sie mich diesen Gedanken vertiefen und betrachten wir zunächst meine Börsenaktivitäten aus Sicht des Investors. In der letzten Zeit hört man immer wieder die Aussage: „Buy and Hold ist tot!“ Ist es das wirklich? Aus meiner Sicht ist das der größte Schwachsinn, den man seit langem an den Märkten gehört hat. Zumindest in dieser, verallgemeinerten Form, macht die Aussage keinen Sinn, denn es widerspricht den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems. Wenn man so denkt, sollte man alle Finanzinstrumente schleunigst glattstellen, und sich um die Erlöse einen eigenen Grund und Boden kaufen und Landwirtschaft und Viehzucht betreiben bzw. erlernen. Denn dass würde ja bedeuten, dass unser Kapitalismus „den Bach runtergeht“, da dieser ja auf Wachstum und Expansion beruht.

Vielleicht kommen Sie, wenn der Zusammenbruch der Wirtschaft wirklich eintreten sollte, mit Gold und Edelsteinen ein wenig über die Runden, doch letztlich machen weder Gold noch Silber satt. Finanzprodukte auf diese Underlyings sind jedoch zu 100% die falsche Anlage, denn welche Bank existiert dann noch, um Ihnen Ihr Geld auszuzahlen? Und – was machen Sie mit dem Geld, wenn wir wieder jagen und sammeln müssen? Es wäre doch bloß noch bedrucktes Papier, das niemand mehr haben will.

Ich denke jedoch nicht, dass es so weit kommen wird, und daher investiere ich nach wie vor langfristig. Ich kümmere mich dabei nicht um die Märkte, sondern versuche vielmehr, interessante Unternehmen zu entdecken. Dabei halte ich mich keineswegs an die Blue Chips, sondern recherchiere stets in der dritten oder vierten Reihe nach guten Gelegenheiten. So finde ich immer wieder interessante Nebenwerte, deren Wert aus meiner Sicht noch nicht im Börsenkurs enthalten ist. Darüber hinaus haben diese Unternehmen große Wachstumschancen, und ihr Potential noch nicht einmal Ansatzweise ausgespielt.

Natürlich ist es bei dieser Art des Investierens klar, dass man den einen oder anderen Totalverlust erleiden wird. Doch dafür streut der kluge Investor ja seine Beteiligungen. Auch wenn zwei oder drei von zehn Unternehmen bankrott machen, ein oder zwei Five- oder Tenbagger (Copyright Peter Lynch = Aktien, die sich verfünf- oder verzehnfachen) machen diese Ausfälle längst wieder weg.

„Buy and Hold“ ist daher keineswegs tot. Solange es gute Unternehmen gibt, werden diese Firmen wachsen, und Ihre Aktien dadurch im Wert steigen lassen. Ob es an den Börsen zeitgleich ein oder zwei Jahre nach unten geht, spielt dabei keine Rolle. Im Gegenteil: wenn Aktien im Sonderangebot sind, wie es Ende 2008 und Anfang 2009 der Fall war, dann schlagen Sie zu und kaufen Sie, was Ihr Budget hergibt.

Um den Kreis zu schließen, kehren wir erneut zum Thema Marktausblick 2010 zurück. Weil ich eben so denke, mache ich mir keine Gedanken darüber, was die Märkte nächstes Jahr tun werden. Ich blicke daher als Investor gelassen in die Zukunft, ohne zu versuchen, in die Zukunft zu blicken. Das kann ich deswegen, weil ich mich in solide, kleine Nebenwerte eingekauft habe. Ich beteilige mich nicht an Unternehmen, die ich nicht verstehe, und ich lasse die Finger vor Aktien, die überteuert sind. Was ich suche sind Firmen, die mehr Wert sind als sie an den Börsen kosten, und lasse deren Managements an meinem Wohlstand arbeiten. Geduld ist eine wesentliche Tugend beim Investieren. Fehlt Ihnen dieses Talent, wird es schwer werden, Ihr Geld wirklich langfristig anzulegen.

Was meint nun der Trader Thomas Vittner zum Thema Marktausblick 2010 und wie wird er sein Trading darauf ausrichten. Diese Gedanken finden Sie hier in wenigen Tagen, im zweiten Teil der Serie „Marktausblick 2010“.



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