16.08.2010 | Fachwissen

Margin Konten verstehen und richtig nutzen

Manch angehender Trader ist skeptisch, wenn er bemerkt, dass hinter der Bezeichnung „Margin Trading“ eine kreditfinanzierte Spekulation steht. Liest man doch immer wieder, dass man nur mit jenem Kapital traden darf, das einem tatsächlich zur Verfügung steht. Grundsätzlich kann ich diese Aussage unterstreichen, wobei es dabei einiges zu beachten gilt. In diesem Beitrag werden wir daher darüber sprechen, was es mit dem Margin Konto wirklich auf sich hat, und wo die echten Fallen für einen Trader lauern.

Wenden wir uns zuerst der Tatsache zu, dass man mit einem Margin Konto auf Kredit spekuliert. Dazu ist festzuhalten, dass dies an und für sich kein Problem darstellt, solange man ein vernünftiges Risikomanagement praktiziert. Doch was ist in diesem Zusammenhang „vernünftig“? Es hat sich als praktikabel herausgestellt, bereits vor Positionseröffnung einen Betrag festzulegen, den man in einem einzelnen Trade aufs Spiel setzen möchte. Für diese Berechnung wird im Regelfall das Gesamtkapital des Traders herangezogen, von dem dann ein bestimmter Prozentsatz als Risiko für den einzelnen Trade bestimmt wird.

Verwenden wir eine einfache Rechnung, um das zu illustrieren: Unser Trader hat 10.000 Euro. Er überlegt sich, nicht mehr als 1 Prozent (Spesen und Slippage außen vor) Risiko je Trade einzugehen, was einem Betrag von 100 Euro entspricht. Wie man dieses Einzel Risiko errechnet, soll nicht weiter Gegenstand dieses Artikels sein, weil es hier erstens um andere Inhalte geht und zweitens, weil das aufmerksamen Lesern der trading redaktion ohnehin bereits bekannt sein dürfte.

Wenden wir uns daher lieber der Margin selbst zu, und reden zunächst über den damit verbundenen Hebel. Oft löst dieser Unsicherheit aus (manchmal auch Euphorie), wie ich immer wieder bemerke. Der Hebel (der schließlich die zu hinterlegende Margin bestimmt) hat, wenn man es genau nimmt, (fast) keine Bedeutung. Letztlich ist es bei ausreichender Kontodeckung egal, ob Sie für einen Trade nun 3, 5 oder 20 Prozent Ihres Kapitals hinterlegen müssen. Lassen Sie sich daher von einem hohen Hebel, der von manchen (unseriösen?) Brokern in aggressiven Werbungen gerne angepriesen wird, nicht hinters Licht führen. Ein Hebel von 400 bietet für den klassischen privaten Trader keinen größeren Nutzen als ein Hebel von 10, wenn im Hintergrund ein stimmiges Risikomanagement steht (zum Beispiel 1% Risiko je Trade etc.).

Leider reizen viele unerfahrene Trader mangels Wissens um dieses Moneymanagement ihr Konto mit einem einzigen Trade voll aus, sind mit einem Jahresgehalt im Dax Long oder Short und riskieren dabei Kopf und Kragen. Doch es muss nicht immer der Übermut sein, der dem Trader Probleme bereiten kann. Es gibt vielmehr noch einen weiteren Aspekt, den viele beim Margin Trading nicht beachten. Nehmen wir dazu das Beispiel von eben heran, in dem der Trader folgenden Rechenvorgang für sein Risikomanagement heranzieht:

10.000 Euro Spekulationskapital – davon 1% Risiko je Trade = 100 Euro. Maximal laufen 3 Trades zur gleichen Zeit, das Gesamtkontenrisiko beträgt 300 Euro. Der Trader kapitalisiert daher sein Konto mit 10.000 Euro und legt mit dem Trading los. Richtig? Falsch! Wozu haben Sie ein Margin Konto und zahlen für Long Trades Finanzierungskosten, wenn Sie eine Position über Nacht halten, wenn Sie Ihr Konto nicht adäquat nutzen?

Anmerkung

Besonders findige Broker verlangen in Zeiten von niedrigen Zinsen sogar Finanzierungskosten für Short Positionen, die über Nacht gehalten werden. Das mag rechtlich in Ordnung sein, zum guten Ton und zu einer guten Kundenbeziehung gehört so eine Abzocke aber sicher nicht.

Viele Trader haben ein Margin Konto und nutzen es nicht. Wenn Sie in einem Trader nur beispielsweise 1% Ihres Kapitals riskieren und zeitgleich maximal einen oder zwei Trades laufen haben, werden Sie nie Ihr Konto ausnutzen können, wenn Sie es derart hoch kapitalisieren.

Lassen Sie mich an einem Beispiel erklären, was ich damit meine. Wenn ich mein Trading anhand eines 10.000 Euro Kontos darstelle, kommen wir auf folgende Marginanforderungen:

Bleiben wir dabei bei einem Risiko je Trade von 1 Prozent, der Maximalverlust liegt somit bei 100 Euro. Da ich hinsichtlich des Initialrisikos (Abstand Entry – Stopp 1) eine Bandbreite von 1 – 2 Prozent angesetzt habe, nehme ich nun pragmatisch den Mittelwert, also 1,5 Prozent. Bei meinem Broker WH Selfinvest liegt bei Aktien der Hebel bei 10, die zu hinterlegende Margin beträgt also 10 Prozent der Positionsgröße. Wenn ich diese Rechnung nun mit der obigen Angabe durchführe, muss ich, um einen Trade zu starten, im Durchschnitt 666 Euro auf meinem Konto haben. (Gemitteltes Initialrisiko 1,5 Prozent, Risiko je Trade: 1 Prozent, Kontostand: 10.000 Euro, Positionsgröße im Schnitt daher jeweils ca. 6.660 Euro – davon 10% = ca. 666 Euro Margin je Trade)

Als nächstes überlege ich, wie viele Trades ich im Normalfall laufen habe. Bei mir sind das 6 Positionen. Wenn das Trading gut läuft und ich einige Trades aus dem Risiko nehmen konnte, sind es theoretisch auch mehr. Da ich andererseits enge Stopps setze und diese aggressiv nachziehe, werde ich auch öfters ausgestoppt. Ich habe ein wenig nachgeforscht und festgestellt, dass ich noch nie mehr als 8 offene Positionen zeitgleich laufen hatte. Um hier aber einen kleinen Puffer einzubauen, kalkuliere ich hinsichtlich meiner Kontendeckung (dazu gleich) mit 10 parallel laufenden Trades, die alle eine gemittelte Margin von 666 Euro erfordern (was bereits extrem großzügig kalkuliert ist). 666 × 10 = 6.660 Gesamt Margin.

Das bedeutet im Klartext, dass mehr als 3.000 Euro unnütz am Konto des Brokers liegen würden, obwohl es in der täglichen Trading Praxis an fast allen Tagen weitaus mehr sind. Auch wenn wir uns derzeit in einer Tiefzinsphase befinden, bin ich der Ansicht, dass dieses Kapital besser eingesetzt werden kann. Ich habe daher meine Kontogröße entsprechend angepasst, und nur noch jenen Betrag dort liegen, den ich auch ausreizen kann und darf.

Darüber hinaus gibt es bei anderen Finanzinstrumenten noch weit niedrigere Marginanforderungen und manche Broker bieten überhaupt höhere Hebel an. Unsere geschätzten Broker in Ehren, liebe Trader, aber unser Geld können wir besser anlegen, als es unserem Broker zur Verfügung zu stellen, und dafür nicht mal Zinsen zu kassieren.

Korrekt wäre es ohnehin, wenn der Broker nur dann Finanzierungskosten verlangt, wenn die aktuell offenen Positionsgrößen kumuliert die Kontengröße übersteigen, aber das ist ein anderes Thema. In diesem Beitrag wollte ich Sie dafür sensibilisieren, eine Inventur in Ihrem Trading zu machen und dabei zu überlegen, wie viel Geld Sie wirklich fürs Trading brauchen. Führen Sie daher künftig bitte zwei Trading Konten. Ein mentales Konto, bei welchem Sie festsetzen, wie viel Geld Sie fürs Trading zur Verfügung haben und ein echtes (Ihr echtes) Konto, das mit jenem Betrag ausgestattet ist, den Sie für Ihre Börsengeschäfte benötigen. Die Differenz legen Sie gewinnbringend an und streife die Zinsen ein. Das sind zwar in der heutigen Zeit keine großen Beträge, aber Sie kennen bestimmt den Spruch: auch Kleinvieh macht Mist. Und wenn man den Mist eine Weile liegen lässt, kann da ein ganz schön großer Haufen draus werden.



trading redaktion · Thomas Vittner · Trading & Education · Bandgasse 33-41/19 · 1070 Wien
Design: Grafischer Dienst